Peter Mielert header image 3
  •  

Deutsche und Ausländer ‚Äì wie aus Fremden Freunde wurden

Eine Geschichte – beginnend in Stuttgart-Bad Cannstatt Anfang der 70er Jahre.
Aufgeschrieben von Peter Mielert im Jahre 2005

Hauptpersonen:

Architekturstudent und italienischer Arbeiter beim Daimler in Untertürkheim.

Zu Beginn der 70er Jahre studierte ich Architektur an der Universität Stuttgart. Es war die Zeit der Diskussionen über die Rolle der Universität in der Gesellschaft, und darüber welche Erwartungen die Gesellschaft an uns nach Abschluss des Studiums stellen würde. Zu gleicher Zeit hörten wir in Vorlesungen und Seminaren von der Notwendigkeit der Partizipation der Betroffenen im Planungsprozess. Außerdem war nach Ende des Vietnamkrieges der Blick von uns politisch interessierten Studenten geschärft für die Unterdrückung von Völkern im Einflussbereich der NATO. Die politische Situation in Ländern wie Griechenland, der Türkei, Spanien, Portugal und Italien interessierte uns hier besonders.

Über Waltraud Hoss, die an einem der Universitätsinstitute an dem wir studierten als Sekretärin arbeitete, lernte ich Willi Hoss (gestorben im Jahre 2003, ehemals Schweißer und Betriebsrat beim Daimler, Gründungsmitglied undBundestagsabgeordneter der GRÜNEN) und seine plakat-Gruppe (ein Zusammenschluss kritischer Metallgewerkschafter beim Daimler) und damit die Probleme der Arbeiter in einer Fabrik kennen. Unsere Aufgabe als Studenten bestand darin, die plakat -Zeitung morgens vor dem Fabriktor vom Daimler in Bad Cannstatt zu verteilen.

Zur plakat-Gruppe gehörte auch der Fließbandarbeiter und IG-Metall Vertrauensmann Mario D¬¥Andrea (Italiener aus Kampagnien). Er wohnte in einer schäbigen Altbauwohnung im Zentrum von Bad Cannstatt, zu einem Zeitpunkt, als dort die Untersuchungen für die Altstadtsanierung begannen.

Hier mischten wir uns zum ersten Mal mit unserem Hintergrund als Stadtplaner ein. Bereits nach kurzer Zeit war uns klar, dass die sogenannten ‚”Vorbereitenden Untersuchungen‚” zur geplanten Sanierung völlig unzureichend vorbereitet waren -Informationen in den Sprachen der Ausländer fehlten und so wurden die ermittelten Antworten- insbesondere zur Mitwirkungsbereitschaft von uns angezweifelt.

Durch Kontakte zum ‚”Kulturkomitee für ausländische Arbeitnehmer‚” konnten wir, die wir zunächst wenig Kontakt zu Ausländern hatten, erreichen, dass dieses einen Brief an den zuständigen Bezirksbeirat schrieb, mit Fragen und Forderungen aus der Sicht von Ausländern. Als dann ‚Äì trotz Zusagen ‚Äì nach 2 Monaten immer noch keine Aktion erfolgt war, wandte sich das Kulturkomitee mit einem ‚”Offenen Brief‚” an die ?ñffentlichkeit.

Nachdem zur gleichen Zeit Pläne für zwei Kaufhäuser, jeweils am Ende der Marktstraße -am Wilhelmsplatz gar mit Parkhaus auf dem Dach- zu dessen Realisierung bereits Abrisse erfolgten und am anderen Ende dafür das ‚”Klösterle‚”, das älteste Wohnhaus, geopfert werden sollte, in der ?ñffentlichkeit bekannt wurden, bildete sich aus kritischen Cannstatter Bürgern und Bürgerinnen sowie Cannstatter Mitgliedern des Kulturkomitees die Bürgerinitiative ‚”Rettet die Cannstatter Innenstadt‚”.

Da wir zur kontinuierlichen Arbeit vor Ort mit Betroffenen eine Anlaufstelle benötigten, suchten und fanden wir Räume im ehemaligen Amtsgericht. Bereits die Renovierung war eine gemeinsame Aktion von Ausländern und Deutschen und am 16.2.1974 konnten wir das INFO-Stüble- Treffpunkt für Ausländer und Deutsche in der Wilhelmstraße 10 eröffnen. Die Betreibenden waren eine bunt gemischte Gruppe aus ca.10 Leuten: Kindergärtnerin und Elektroinstallateur, Soziologie- und Pädagogikstudent, Architektin und angeh. Berufsschullehrer, Daimlerarbeiter und Bibliothekarin, ein türkischer Lehrer – hier als Gas- und Wasserinstallateur tätig u.a.

Zur Eröffnung des INFO-Stüble wurde eine Ausstellung mit Fotos über die Veränderungen in Bad Cannstatt gezeigt. Anschließend begannen wir mit speziellen Angeboten wie: Mieterberatung, Deutschkursen und Hausaufgabenhilfe in einem Spiel- und Lernclub. Wir halfen bei Behördengängen und bei der Wohnungssuche -hier wurden wir schon mal als Bürgen gebraucht. Wir unternahmen gemeinsame Ausflüge, feierten Geburtstage, Weihnachten und Hochzeiten miteinander, also eigentlich sehr selbstverständliche Dinge und versuchten so den ‚”Gastarbeitern‚” bei ihrer Integration zu helfen.

Vom INFO-Stüble aus gingen wir in die Wohnheime ‚Äì oft Baracken oder ausrangierte Gewerberäume. Mittelständige Bauunternehmen unterschieden sich bei der Unterbringung ihrer ‚”Gastarbeiter‚” nicht von Weltkonzernen. Das Betreten war Fremden immer verboten. Über das Betretungsverbot setzten wir uns hinweg und waren dann völlig überrascht, wie herzlich wir aufgenommen wurden. Wir hatten den Eindruck geradezu erwartet zu werden. Kein Wunder, dass sich viele an uns wandten mit der Bitte, ihnen aus ihrer erbärmlichen ‚”Wohnsituation‚” in den Unterkünften herauszuhelfen.
Den Umzug ‚”Aus der Baracke in die Bürgerlichkeit‚”, so der Titel eines Beitrages der Stuttgarter Zeitung vom 28.4.1973, mussten sie allerdings mit deutlich überhöhten Mieten zwischen 20 und 40% gegenüber Deutschen in vergleichbaren Wohnungen bezahlen. Sie fanden diese Wohnungen, die in keinem guten baulichen Zustand und deren sanitäre Einrichtungen total unzulänglich waren, an den Hauptverkehrsstraßen, wo der überbordende KFZ-Verkehr die Deutschen vertrieben hatte. Trotz dieser miserablen Bedingungen überwog der Wunsch, den Restriktionen der Massenunterkünfte zu entkommen, die Familie nachkommen zu lassen. Insassen aus den Wohnheimen kamen gern zu unseren ‚”Offenen Abenden‚”, an denen wir Filme, Essen, Informationen und Musik aus den Herkunftsländern anboten. Immer wieder boten die Ausländer selbst Beiträge an.

Wir sprachen auch immer wieder die deutsche Bevölkerung an und luden sie ein sich aus erster Hand zu informieren. Wir vermittelten Kontakte zur lokalen Presse, damit diese über die Situation der ‚”Gastarbeiter‚” berichteten. Unser Engagement wurde nur von Wenigen unterstützt, ja wir wurden sogar deswegen angefeindet. Ich vergesse nie das Agieren eines stadtbekannten CDU-Bezirksbeirats und Kirchengemeinderatsmitglieds der ev. Stadtkirche gegen unsere Einrichtung.

In dieser Zeit, die wir Ehrenamtlichen z.T. auch am Wochenende und an Feiertagen mit Ausländern verbrachten, entstanden Freundschaften, die auch heute noch, nach der Rückkehr in die Heimatländer, weiterbestehen. Sie reichen von Portugal im Westen bis nach Anatolien im Osten.

Sie führten zu Besuchen – oft auch wiederholten- in den Ländern unserer ‚”Gastarbeiter‚”. Seit meinem ersten Besuch im Dorf VIBONATI (Provinz Salerno) in Süditalien im Jahre 1974 bin ich im letzten Jahr zum 30.Male dort gewesen. Dies war im Jahre 2004 auch der Anlass, eine Auswahl der, in diesen 30 Jahren von dem Ort und seiner Bevölkerung gemachten Fotos in einer Ausstellung mit dem Titel: ‚”30 Jahre Eindrücke – Eine Hommage an Vibonati‚” dort zu zeigen. Für diese Dokumentation der Veränderungen im Ort und für mein Engagement für die Italiener aus diesem Ort in Bad Cannstatt (dort lebten zeitweise 15 Vibonatesi) wurde mir dann im Rahmen einer festlichen Veranstaltung die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Das INFO-Stüble wurde geschlossen nachdem die evangelische Kirche sich zu einer Renovierung und neuen Nutzung des ehemaligen denkmalgeschützten Amtsgerichtes entschlossen hatte. Der Spiel- und Lernclub bekam mit Unterstützung des seinerzeitigen SPD-Bezirksvorstehers eine neue Bleibe in der Altstadt, wo er heute noch besteht.

Resümee:

Hätte es seinerzeit viele solcher Integrationshilfen gegeben, hätten wir heute eine große Anzahl Probleme weniger und alle, Fremde wie Einheimische wären um viele gute Erfahrungen reicher..

keine Kommentare

bisher keine Kommentare ↓

  • Bisher sind keine Kommentare vorhanden... Mache den ersten Schritt!

Einen Kommentar abgeben