Redemanuskript zur Ausstellung ‚”30 anni di immagini-un omaggio a Vibonati‚” und zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde am 3. Juni 2004.
Liebe Vibonateser,
wie bin ich nach Vibonati gekommen?
Zeitweise lebten ca. 15 Vibonatesi in Bad Cannstatt, einem Stadtbezirk von Stuttgart, in dem Daimler das erste Auto gebaut hat. Über Mario D`Andrea, den ich auf einer gewerkschaftlichen Versammlung getroffen habe, habe ich sie dort als freundliche Botschafter ihrer Kommune kennengelernt.
Gemeinsam haben wir uns gegen die Zerstörung von Wohnen und historischer Bausubstanz durch den Kommerz gewehrt: Stellen sie sich vor eine Supermarktkette wollte Ihr Kloster abreißen um dort ein Kaufhaus zu errichten. So wollten sogenannte fortschrittliche Kräfte das älteste Wohnhaus Stuttgarts-ein ehemaliges Kloster- abreißen um dort ein Kaufhaus zu errichten. Deutsche und Ausländer,die in den baufälligen Häusern der Altstadt lebten haben sich gemeinsam dagegen gewehrt und gewonnen. Heute ist das Haus ein bedeutendes Denkmal in Stuttgart Bad Cannstatt(Foto vom Klösterle zeigen).
Gast- Gastarbeiter
Mein Eindruck und der von Mitstreitern war, dass die Gastarbeiter nicht als Gäste behandelt wurden: sie waren in Baracken und Wohnheimen untergebracht, deren Betreten uns Deutschen verboten war oder in heruntergekommenen Häusern in der Altstadt, die saniert werden sollte. Die Gefahr ihre preiswerten Wohnungen zu verlieren war sehr groß. Wir beschlossen daher gemeinsam mit Mario die Ausländer über die bevorstehende Sanierung zu informieren.Bei Hausbesuchen lernten wir ihre Sorgen kennen u.a. die Schwierigkeiten von ausländischen Kindern in der Schule. Gemeinsam mit Mario und anderen Ausländern haben wir dann Räume in einem unbenutzten Gebäude hergerichtet und dort Deutschkurse und Hausaufgabenhilfe in einem Spiel-und Lernclub,der heute noch besteht, angeboten, Informationsveranstaltungen durchgeführt, Feste gefeiert und sogar Theater gespielt.Wir Studenten haben uns seinerzeit über die Verbote zum Betreten der Unterkünfte hinweggesetzt und die Gastarbeiter dort besucht um sie aus der Isolation herauszuholen. Zu unserer Überraschung wurden wir sehr freundlich aufgenommen.
Wir haben uns für die Heimatländer unserer Gastarbeiter interessiert und darüber informiert. So auch über Italien und besonders den Süden: so gab es bereits im Jahre 1979 mit Marios Hilfe in Stuttgart eine Ausstellung über Vibonati mit Fotos, die ich ab 1974 hier gemacht hatte. Mit der jetzigen Ausstellung kehren auch diese ersten Fotos nach Vibonati zurück.
Wie bin ich 1974 das erste Mal nach Vibonati geraten?
Durch einen Zufall: wir waren im Frühjahr 1974 mit dem Auto auf der Rückreise von Tunesien nach Stuttgart, als kurz vor Lagonegro das Autobahnende angekündigt wurde. Wir mussten also bis herunter an die Küstenstraße nach Sapri fahren und anschließend hätten wir bei Buonabitacolo wieder auffahren müssen. In diesem Moment fiel uns ein, dass dazwischen doch Vibonati liegen müsste und obwohl wir keine Adresse hatten und garnicht damit zu rechnen war, dass Mario dort sein würde, fuhren wir hin und wurden vom Ponte aus freundlichst zu Marios Haus in der Via Umberto I gewiesen und dort herzlich empfangen.
Zu den Fotos:
Ich bin kein Profi. Die Fotos sind ursprünlich für private Zwecke entstanden und ich hatte immer ein schlechtes Gewissen Fotos zu machen ‚Äì insbesondere von Menschen ‚Äì und anschließend damit zu verschwinden, denn die Fotografierten haben in der Regel Nichts davon. Auch deshalb freue ich mich die Bilder nach Vibo zurückzubringen. Mancher, Manche ist fotografiert worden ohne davon zu wissen, einige sind sicher bereits gestorben, und ich konnte nicht vorher eine Erlaubnis für eine öffentliche Präsentation einholen. Ich bitte dies zu entschuldigen.
Welche Veränderung zeigen die Fotos?
Grundsätzliche Bemerkung:
- Die großartige Architektur der Altstadt (des Centro Storico)
- Das Schlachten eines Schweins
- Das Betreiben einer Mühle oder
- Das Hereinholen eines Netzes
waren nur möglich durch eine großartige, gemeinsame Anstrengung vieler Menschen; und hier liegt meiner Meinung nach der große Unterschied zur heutigen Gesellschaft, die auf individulle Autonomie (jeder sein eigenes Fahrzeug, sein freistehendes Haus usw.) persönliches Glück und Massenkonsum ausgerichtet ist.
Im Einzelnen:
- Die Wiederbelebung alter Wohngebäude (1966 schrieb Marion in seinem Tagebuch nach monatelanger Abwesenheit: ‚”Der Ort war gealtert, die Häuser waren baufällig, halb verfallen‚Ķ‚” und so sah ich es auch 1974)
- Die Mobilität, der Transport (Bspl.: Esel oder Kopftransport der Frauen)
- Die Nutzung des öffentlichen Straßenraums: die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer existiert nicht mehr (das Foto mit der Frau auf dem Stuhl auf der Straße wäre heute nicht mehr möglich)
- Der Müll: früher kompostierbar oder anderweitig verwertbar, heute v.a. hier im Süden ein riesige Problem
- Die Erwerbstätigkeit: Handwerk und Kleinhandel verschwindet
(Anmerkung:
was sich am Beispiel Vibonatis zeigt: es wurden Techniken und Produkte eingeführt, die in anderen Zonen, aus anderen Problemlagen heraus entwickelt wurden ohne dass die weniger entwickelten Zonen darauf vorbereitet wären und die nun vor neuen, schier unlösbaren Problemen stehen. Beispiel: Beseitigung des Mülls oder Unterbringung der PKWs in den Altstädten).
Was bleibt, was bleiben sollte:
Die Harmonie zwischen der Landschaft und der Architektur des Centro Storico und der Gemeinschaftsgeist, der zu großartigen Leistungen fähig war, diese sind ein Schatz auf den sie stolz sein können.
Zur Ehrenbürgerverleihung:
Bei einem berühmten Römer heißt es: ‚”Wer an den Angelegenheiten seiner Gemeinde keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger‚” (Perikles).
Ich werde mich in diesem Sinne bemühen ein guter Bürger Vibonatis zu sein und werde, falls ich um Rat gefragt werde , mich nicht verweigern, verfüge ich doch über mehr als 20 Jahre kommunalpolitischer Erfahrung in meinem Stadtbezirk Bad Cannstatt.
Herzlichen Dank für die große Ehre, die mir heute hier von ihnen zu teil wird und das damit mir entgegengebrachte Vertrauen. Ich hoffe, ich werde sie nicht enttäuschen.
Herzlichen Dank an sie Herr Bürgermeister, an sie Prof. Abramo und an die ganze Verwaltung die LehrerInnen der Schule, die SchülerInnen an alle nicht persönlich genannten Vibonatesi .
Einen Vorschlag möchte ich heute schon machen:
Könnte man nicht ein Gemeinschafts- und Zukunftsprojekt für unsere Kinder starten, indem die Schule mit einer Bürgersolaranlage auf dem Schuldach ans solare Netz angeschlossen wird. Als Startkapital könnten die Fotos der Ausstellung meistbietend versteigert werden.
Hiermit (Urkunde übergeben) schenke ich meine Fotoausstellung der Schule.
Erlauben sie mir zum Abschluss noch ein persönliches Wort:
Ohne die Unterstützung meiner Partnerin Anita und meines Freundes Mario wäre dieser Tag heute für mich nicht möglich gewesen. Danke.
Peter Mielert, 2. Juni 2004

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